Udo Scheer
1951 geboren in München
1970–1974 Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Diplomingenieur, Mitglied im
1975 verbotenen Arbeitskreis Literatur; Veröffentlichungen literarischer Arbeiten wurden bis
1989 weitgehend verhindert, Beruf: Konstrukteur
1990–1993 Betriebsrat bis zur Liquidation der electronicon GmbH Gera
seit 1993 freiberuflicher Schriftsteller und Publizist
1995–2001 Gründungsvorsitzender der »Geschichtswerkstatt Jena e.V.«
Veröffentlichungen seit 1990:
Zahlreiche Publikationen in Anthologien, in Zeitungen, Zeitschriften und im Rundfunk mit Schwerpunkt Kultur und Gesellschaft. Beiträge u.a. für DLF, MDR, BR, SWR; DIE WELT, FRANKFURTER RUNDSCHAU
Z, Erzählungen, Verlag Landpresse 1994; Kennenlernen und verstehen, Reportagen, Robert Bosch Stiftung 1994; Vision und Wirklichkeit. Die Opposition in Jena in den 70er und 80er Jahren, Ch. Links 1999, 3. Auflage; Zeitrisse. Einwürfe Eingriffe Gespräche Geschichten, Geest-Verlag Vechta-Langförden 2003
Rundfunkfeature: Im Visier der Stasi, BR 2.10.1993; ORF 16.7.1994; BR 2 am 4.10.1998; ÜBER LEBEN, MDR 12.7.1993; Jenaer Kreise, MDR 8.10.1994; Das mehrfache Leben des Habakuk, MDR 05.05.2002
Adresse: Tissaer Weg 4e · 07646 Stadtroda
eMail-Adresse: ScheerU@compuserve.de
Das Zitat:
Aus: Neues aus dem Leben des unschuldigen Mörders Raimond
(Für Axel Reitel)
Raimond war zum Dichter gereift, hatte Bücher geschrieben, Frauen geschwängert und studierte das Leben mit Vorliebe dort, wo es sich unverhüllt zeigt, in den Kneipen, bei einigen Gläsern Bier, oder wenn es sein Konto zuließ, auch bei Wein. Meist war es Bier. Um Bier einmal wieder in Wein zu veredeln, schrieb er in einer seiner Zeitungskolumnen über Menschen und Begegnungen, wie ein Herr an seinem Tisch Platz genommen hatte. Der stellte sich in bayerischer Mundart vor, er sei einer der neuen Richter am hiesigen Gericht. Bayerisches Weizenbier hatte dessen Zunge bereits gelockert, und in weniger als einer halben Stunde bestellte er zwei neue Weizen nach.
Noch in dieser Nacht schrieb Alexander Raimond über das richterliche Selbstverständnis in amtlicher Robe: »Dann erzählte er, wie er Ordnung in das hiesige Amt bringen würde. Einen Taschendieb würde er härter bestrafen als ein Wirtschaftsvergehen. Einen Autodieb schwerer als Giftmüllentsorgungen. Ich gebe zu, ich unterbrach ihn bereits hier und fragte (so spaßig ich konnte), von wem er geschmiert werden würde. Er sagte, er könne mich bereits jetzt belangen.«
Eine solche Respektlosigkeit verzieh ihm die neue Juristenschaft nicht: Raimond? Raimond, ist da nicht ein Verfahren anhängig?
(In: Zeitrisse. Einwürfe Eingriffe Gespräche Geschichten)